Olympia

Im September 1971 gründeten Albrecht/d., Günter Sarée und Wolf Vostell, das „Unabhängigere Olympische Komitee“. Die Gründer hatten für den Namen bewusst den Komparativ gewählt. Der Wikipedia-Eintrag zu Sarée schreibt, die drei hätten die Olympiade in München „nicht erst am 26. August 1972, sondern bereits am 22. August und mit einer eigenen Olympiahymne aus Gelächter beginnen“ lassen wollen.

Der Eintrag greift damit allerdings zu kurz und reduziert die Idee des „Komitees“ auf eine Fluxus-hafte Aktion. Dabei hatten die drei Künstler durchaus klare Vorstellungen, wie die Kunst mit der Olympiade umgehen und sich ihr gegenüber positionieren sollte.

Am 18.11.1971 um 11 Uhr fand die Pressekonferenz des „Unabhängigeren Olympischen Komitees“ im Hotel Bayerischer Hof in München statt.

Das Protokoll der Pressekonferenz wurde vom Komitee anschließend veröffentlicht. Es erschien u.a. 1973 in „Militante Literatur“, Gauke Taschenbuch 4 (Christoph Gauke Verlag, Hannoversch Minden). Es zeigt einerseits die durchaus unterschiedlichen künstlerischen Ansätze der Protagonisten. Andererseits wird aber auch die konzeptionelle Übereinstimmung deutlich, die nicht nur eine „Spass-Aktion“ zum Ziel hatte, sondern auch sehr konkrete Vorschläge für Aktionen und Projekte enthielt.

Unabhängigeres Olympisches Komitee

PRESSEINFORMATION

Sarée:München wird unzensierte Ereignisse bieten. Arbeistfeld ist die ganze Stadt.
Albrecht:In dieser Gesellschaft wird Alternative und Anti verwechselt.
Vostell:In diesem Jahrhundert sind die Unterdrückten, Verfolgten und Leidenden die Sieger. Ihre Handlungen und Verhaltensweisen sind denkwürdig. Ihnen gehören die Medaillen.
Albrecht:Unterdrücker und Unterdrückte sind im Sport vereint, bzw. bei solchen internationalen Wettkämpfen scheinen die Ursachen der Unterdrückung vergessen.
Vostell:Warum wird ein Mensch, der schnell laufen oder hochspringen kann in den Weltmassenmedien exemplarisch verherrlicht. Warum wird das Laufen eines Verfolgten nicht gleich hoch bewertet.
Sarée:Olympischer Wettkampf totalitärer Gesinnung, für geistige Kindergärten werden die Anlagen präpariert: Zitate aus den Anweisungen für die Künstler der Spielstraße: Die Spielstraße ist ein Arrangement von Ereignisfeldern, auf denen das olympische Geschehen kritisch und unterhaltend kommentiert werden soll. Es soll den Künstlern überlassen bleiben, wie er die von einer Jury täglich neu gestellten Themen verarbeitet. Bei allen Aktivitäten ist das zu erwartende Publikum zu berücksichtigen, das sich international zusammensetzt (Sprachprobleme beachten!) und sportinteressiert ist und deshalb nicht primär kunstorientiert, wie etwa ein Museumsbesucher der zur gleichen Zeit laufenden Dokumenta in Kassel. Da Kommunikationen und Verständlichkeit Ziel aller Aktivitäten auf der Spielstraße sind, müssen diese ihrem Inhalt und ihrer Form nach so angelegt sein, dass sie beim Publikum „ankommen“.
Vostell:Sportliche Auseinandersetzungen haben paramilitärischen Charakter. Es geht um Sieger und Besiegte. Projekt 1. Einen Film drehen von allen Erschöpfungsszenen, Nervenzusammenbrüchen und hysterischen Anfällen der Verlierer.
Albrecht:Als Aufgabe für Künstler zur Olympiade ergibt sich die Erweiterung der sportlichen Disziplinen um neue Sportarten (Linien im Sand ziehen etc. oder Hausfraueneinsatz).
Vostell:Als Künstler die Olympiade 72 garnieren oder dekorieren mit statischen Werken bedeutet ein Verrat an der Aufklärung und Bewusstseinsveränderung der Menschen, die der Künstler zu leisten hat.
Sarée:Freiheit im Klarsichtbeutel. Wir sollten das schleunigst beim Patentamt melden. Vielleicht lässt sich so noch der Export verhindern.
Albrecht:Für bescheiden denkende Künstler gibt es genügend Möglichkeiten innerhalb einer solchen Institution (Spielstraße und Kunst am Bau zur Olympiade) subversiv zu arbeiten. Nur ist es notwendig, dass sich dazu Künstler bereitfinden, oder dass andere Künstler mit der Fähigkeit zur Reflektion ihrer Situation zur Organisation herangezogen werden. Nicht zur Arbeit während der Olympiade, sondern zur Organisation dieses Teilbereichs.
Vostell:Projekt 2: statt für 5 Millionen Kunst am Bau zu realisieren sollte man für den Betrag den Grundstein für eine kritische Kunstuniversität München legen.
Albrecht:Mein Vorschlag für die Siegerehrung farbiger Sportler aus den USA: Sprecher verschiedener amerikanischer Organisationen, die sich für die Verbesserung der Situation Farbiger einsetzen, berichten aus dem Alltag dieser diskriminierten Minderheiten in den USA.
Vostell:Projekt 3: Jeder Spitzensportler dreht einen Film. Titel: „Was ich an Deutschland liebe.“

Es blieb aber nicht bei Konzepten und einer Pressekonferenz. Unter dem Motto „Jeder ist Olympionike und sollte geehrt werden“ führte Albrecht/d. in Stuttgart am Kleinen Schlossplatz „olympische Siegerehrungen“ durch. Die Aktion wurde von einem Kamerateam des Südwestfunks dokumentiert und in der Landesschau gesendet. Die Aufnahmen sind bis heute im SDR-Archiv verfügbar.

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