Albrecht/d. und Genesis P-Orridge

Um 1970 kam Albrecht/d. über Mail-Art-Netzwerke mit dem 1969 gegründeten COUM-Kollektiv in Kontakt, in dem auch Genesis P- Orridge und Cosey Fanni Tutti aktiv waren. Der Kontakt intensivierte sich im Laufe der Zeit. Bei reflection press erschienen Postkarte von COUM und P-Orridge und Albrecht/d. lud ihn 1975 zur Teilnahme an seiner Performance in Kiel („Spiellinie an der Kiellinie“) ein.

Als P-Orridge 1976 wegen mehrerer collagierter Postkarten zu über 300 Pfund Geldstrafe verurteilt wurde („sending indecent mail“), gehörte Albrecht/d. zu denjenigen, die . P-Orridge finanziell unterstützten, damit er die Strafe bezahlen und eine drohende Haftstrafe abwenden konnte.

1976 entstand aus COUM Transmissions Throbbing Gristle (TG). Im Sommer dieses Jahres wurden in der Martello Street in London mehrere Sessions von Throbbing Gristle zusammen mit Albrecht/d. live aufgenommen, die auf reflection press erschienen.

Die Mitschnitte datieren vom 23.07.1976 und 30.07.1976. Sie erschienen auf Musikkassette sowohl einzeln als auch als 3 MC-Set unter dem Titel „Music From The Death Factory“. Die dritte Kassette enthielt Aufnahmen von TG ohne Albrecht/d. vom 12. Und 18.06.1976.

Diese Kassetten waren die ersten Veröffentlichungen von TG in Deutschland. In England war lediglich ein Tape von TG früher veröffentlicht worden („July 6, 1976, Live at Air Gallery, Winchester“, dies war die erste öffentliche TG-Performance überhaupt gewesen).

Obwohl es zu keiner weiteren musikalischen Zusammenarbeit mehr zwischen Albrecht/d. und TG kam, blieb eine freundschaftliche Basis und ein Briefkontakt bis in die 1990er Jahre erhalten, auch über die Auflösung von TG hinaus.

Zu den verbindenden Themen gehörten die Stellung von Sex und Gewalt in der Gesellschaft und ihre Kommerzialisierung, bzw. ihre Instrumentalisierung im Interesse von Macht. Insbesondere mit Genesis P-Orridge verband Albrecht/d. das Verständnis des Menschen als polysexuelles Wesen. Die künstlerische Auseinandersetzung damit zeigt sich in Albrecht/d.s Werk eher abstrakt in der Form von Identifikationen z.B. mit Sexarbeiterinnen, in Collagen und Mehrfachkopien, in denen er sein Gesicht oder Teile seines Körpers mit Abbildungen von Frauen, oft aus pornografischen Abbildungen, verband. Genesis P-Orridge ging ab 2000 mit seiner zweiten Ehefrau Jaqueline Breyer einen anderen, radikaleren Weg: Durch Implantate und kosmetische Operationen wollten sie gemeinsam eine pandrogyne Geschlechtsidentität schaffen, die Männlichkeit und Weiblichkeit in einem Körper vereinte, während die beiden zugleich eine möglichst große äußerliche Ähnlichkeit anstrebten.

Wann und warum es zum Bruch zwischen Albrecht/d. und P-Orridge kam, ist aus dem Nachlass Albrecht/d.s nicht ersichtlich. Überliefert ist ein Briefentwurf von 2006, in dem Albrecht/d. ein Zusammentreffen beschreibt, bei dem P-Orridge jegliche Kommunikation mit ihm verweigerte, was ihn sehr hart traf. In dem Schreiben bietet er eine Aussprache an, die aber offenbar nicht mehr stattfand.

Die gemeinsamen Aufnahmen von Albrecht/d. und TG sind auf YouTube verfügbar. Es handelt sich um die Digitalisierung der auf reflection press erschienen Musik-Kassetten.  Sowohl das Management von Genesis P-Orridge als auch von Cosey Fanni Tutti haben  gegen die unentgeltliche Verbreitung der Aufnahmen keine Einwände. Eine reguläre Wiederveröffentlichung der Tondokumente lehnten beide Manager jedoch zuletzt 2014 auf Anfrage ab.

Genesis P-Orridge starb am 14.03.2020.

Zum Weiterlesen: Albrecht/d. – eine höhere Form des Sehens, über Albrecht/d. und seine Bezüge zu William S. Burroughs, TG und Industrial.

Albrecht/d. fotografiert das KZ Ellrich

 

Albrecht/d. stammte aus Ellrich. Dort hatte sein Vater eine Gärtnerei. Amtlichen Unterlagen zufolge kam dieser 12 Stunden vor Kriegsende ums Leben. Albrecht/d. wuchs fortan bei den Großeltern auf. Unweit von Ellrich verlief die Zonengrenze, Ellrich selbst lag in der sowjetischen Zone. Die in dem Ort liegende stillgelegte Gipsfabrik Juliushütte war im April 1944 beschlagnahmt worden, um ein Lager für Arbeiter des Bauprojekts Mittelwerk im Kohnstein zu schaffen. Die ersten Häftlinge trafen bereits im Mai 1944 in Ellrich ein.

Das Lager Ellrich wuchs schnell zum größten Außenlager des KZ Mittelbau heran. Seitens der Lager-SS wurde es zunächst unter dem Tarnnamen „Erich“ geführt, ab Juni 1944 als „Mittelbau II“.

Durchschnittlich waren 8.000 KZ-Häftlinge, vor allem aus Russland, Polen und Frankreich in dem Lager untergebracht, die im KZ Mittelbau täglich 13 Stunden arbeiten mussten. Von den insgesamt 12.000 Häftlingen, die das Lager durchlaufen haben, kamen rund 4000 ums Leben. Neben Dora gilt Ellrich als der größte französische Friedhof außerhalb Frankreichs.

Dass Ellrich in Deutschland trotz allem praktisch unbekannt ist, liegt an der Geschichte des Ortes nach 1945. Das KZ-Gelände lag teils auf dem Gebiet der DDR und teils auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Die DDR-Machthaber beseitigten auch auf dem ehemaligen KZ-Areal alles, was die Errichtung der Grenzbefestigungen behinderte, und zerstörten so 1952 wesentliche Teile des ehemaligen KZ-Außenlagers. Die auf westdeutscher Seite liegenden Teile waren nun unmittelbares Grenzland am Todesstreifen und wurden sich selbst überlassen und in den 1960er Jahren weitgehend beseitigt. So wurde das Krematorium 1964 gesprengt, und das Lagergelände eingeebnet.

Erst nach dem Mauerfall begann eine allmähliche Aufarbeitung der Geschichte des KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte, wie es offiziell hieß. 1993 wurde das Lagergelände zum Gedenkort. Erst 2019 wurden in Ellrich Massengräber entdeckt, nach denen lange Zeit gesucht worden war.

In den 1990er Jahren besuchte Albrecht/d., der nach dem Schulabschluss 1958 in die Bundesrepublik übergesiedelt war, den Ort seiner Kindheit und fotografierte den damaligen Zustand der Reste des Außenlagers. Die Fotos zeigen die noch erhaltenen Reste der Baracken, in denen die Häftlinge untergebracht waren. Die Aufnahmen sind im Nachlass erhalten.

 

Happening in Zuffenhausen 1966-68

 

1966-68 schrieb das Jugendhaus Stuttgart-Zuffenhausen, das heutige Haus 11, Kunstgeschichte. Ohne es zu wissen, und wahrscheinlich ohne es bis heute realisiert zu haben. Es blieb ja für Zuffenhausen auch folgenlos, und das bisschen Aufregung in der Presse legte sich schnell. Es dürfte aber eventuell im Archiv der Stuttgarter Zeitung noch immer zu finden sein, falls sie das Archiv der Stuttgarter Rundschau komplett übernommen hat.

1965 begann Albrecht/d. mit der Konzeption von Happenings. Auf der Suche nach Räumen für die Realisierung stieß er auf den Jugendhausverein Zuffenhausen e.V. Dieser ermöglichte Albrecht/d. nach 6 Monaten Vorgesprächen, Konzeption und Vorbereitung erstmals am 01.Juli 1966 die Aufführung eines Happenings.

Entsprechend der Konzeption sollten die Teilnehmer anfangs auf dem Boden liegen, während Klavierspiel beginnt. Die Teilnehmer waren gebeten worden, Musikinstrumente mitzubringen, die sie nun nacheinander 5 Minuten lang spielen sollten. Der tatsächliche Ablauf war offenbar weniger geordnet. Nach einem Bericht der Stuttgarter Rundschau beschäftigten sich die Teilnehmer zunächst mit Farben und zertrümmerten ein Fernsehgerät, bevor sie sich mit einem nicht mehr fahrtüchtigen Moped über das Gelände bewegten. Es war nicht das einzige Happening in der Bartensteiner Straße. Im Dezember 1967 führte Albrecht/d. dort „Handlung ohne Geschehen, Geschehen ohne Handlung auf“, und im September 1968 war dort sein „r raum wie reflection“ aufgebaut, der bereits klar der politischen und agitatorischen Kunst zuzurechnen war. Am 12.06.1968 hatte Albrecht/d. im Jugendhaus einen Vortrag über „Subkultur“ gehalten.

Die Resonanz auf die Happenings in der Zeitung war vor allem verständnislos und herablassend. Getreu dem Motto „so ebbes brauched mir hier ned“ wurde das Tun Albrecht/d.s und der meist jugendlichen Happening-Teilnehmer als irrelevante Selbstinszenierung eines Wichtigtuers abgetan. Diese Auffassung war in Stuttgart weitgehend Konsens. Das lag auch daran, dass Albrecht/d. in Stuttgart praktisch alleine agierte, und die aufkommenden Fluxus-Bewegung hier keine exponierten Vertreter fand.

Zwar arbeitete Albrecht/d. mit vielen Vertetern der Bewegung zusammen, wie etwa mit George Maciunas, Bazon Brock, Wolf Vostell, Dick Higgins, Ben Vautier, Robert Filliou, Joseph Beuys, Nam June Paik und Charlotte Moorman, doch konnte er in Stuttgart als alleiniger Vertreter nicht die Öffentlichkeit herstellen, die Fluxus in anderen Städten, wie etwa Düsseldorf, Köln und Wiesbaden, zu dieser Zeit erfuhr.

Während die öffentliche und mediale Akzeptanz von Fluxus in Stuttgart weitgehend ausblieb, fand sich in dem Markgröninger Zahnarzt Hans Sohm ein begeisterter Sammler von Dokumenten, Publikationen und anderen Zeugnissen zum Thema. Am systematischen Ausbau seiner Sammlung zum heutigen „Archiv Sohm“ hatte Albrecht/d. einen maßgeblichen Anteil. Das Archiv Sohm wird seit 1981 von der Staatsgalerie Stuttgart betreut.

Finissage in Backnang 09.12.2018

Mit einer Performance des mußikant 3000 endete am 09.12.2018 die Ausstellung

Albrecht/d.

Grafik, Antigrafik, endless energy – Funde und Wiederentdeckungen aus dem Nachlass

im Helferhaus in Backnang.

Der mußikant und Albrecht/d. traten mehrmals gemeinsam auf. Albrecht/d. hatte immer wieder auch die Verbindung seiner Ansätze zur elektronischen Musik gesucht, wie etwa mit Marie Kawazu 1982. So stand die Kooperation mit dem mußikant in einer langjährigen Tradition.

Aus dieser Kooperation entstanden die Grundgedanken für das Konzept mußikant 3000, das sich vom Repertoire des mußikanten abhebt und stärker atmosphärische und improvisatorische Elemente verwendet.

Link zu einem Video vom Auftritt zur Finissage von mußikant 3000

Ausstellung in Backnang, Helferhaus 11.11. – 09.12. 2018

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Albrecht/d.

Grafik, Antigrafik, endless energy – Funde und Wiederentdeckungen aus dem Nachlass

Backnang, Helferhaus, 11. 11. – 9. 12. 2018
Petrus-Jakobi-Weg 5

Link zu einem Video vom Auftritt zur Finissage von mußikant 3000

Vernissage: 11. 11. um 11:30 Uhr

Performance:
S.A.C. modellers club
„Modell-Untersuchungen zu A/d
> endless-EXEGESE< 2018“

Einführung und kurze Buchvorstellung des Buches „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“: Norbert Prothmann, Peter Haury

Die Ausstellung im Helferhaus zeigt neben wichtigen Hauptwerken, die im Nachlass wieder auftauchten, einen Schwerpunkt der grafischen Arbeiten, namentlich seine „visualisierte Musik“, sowie seine Copy-Art, die er zu einem ganz eigenen und eigenwilligen Stil entwickelte.

Besichtigung bis 9. 12. Di-Fr 17-19 Uhr, Sa & So 14-19 Uhr

Zur Finissage am 9. 12. um 11:30 Uhr spielt mußikant 3000.

1978: Postkarten in der Staatsgalerie

Postkarten nehmen im Werk Albrecht/d.s einen prominenten Platz ein. Er nutzte das Format sein gesamtes Leben lang und schuf wohl eine vierstellige Zahl von individuellen Postkarten, die collagiert, de-collagiert, bemalt, bestempelt, beklebt, beschriftet waren, oft waren es Mischtechniken.

Dabei hob er die formale Beschränkung der Karten immer wieder auf. So ließ er Fotografien von wandfüllenden Ensembles auf Postkarten drucken, bei denen sich die Fülle der Details dem Betrachter zwangsläufig entzog. Andererseits brachte er Ausschnitte aus extremen Vergößerungen auf Postkarten, so dass vom Originalmotiv letztlich nur noch Rasterpunkte erkennbar waren die auf der Postkarte als neues, abstraktes Motiv wirkten, das dann mitunter weiterbearbeitet wurden. Er kombinierte so sogar zu Postkarten-Ensembles.

Ansichtskarten übermalte und collagierte er, mitunter wurden sie mit alltäglichen Dingen verfremdet. Viele solcher Karten verschickte er per Post. Hunderte aber behielt er in seinem Besitz, viele wurden im Rahmen von Ausstellungen gezeigt

Albrecht/d. verlegte Postkarten und nutzte sie als Handzettel und Einladungen für Ausstellungen und Events.

Vor 40 Jahren, vom 03. Juni bis 30. August 1978, stellte er eine Auswahl von Postkarten im Café der Staatsgalerie aus.

Vortrag über das Buch in Bremen

Auf Einladung des Zentrums für Künstlerpublikationen am Museum Weserburg in Bremen wird Peter Haury dort am Mittwoch, den 21. Februar 2018 um 18 Uhr anhand von Fotos aus der Ausstellung zur Buchpräsentation in der Oberwelt im Juni letzten Jahres und mit Bildern von neuen Funden aus dem Nachlass das Buch über Albrecht/d. „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“ vorstellen.

 

Am gleichen Tag um 19 Uhr findet die DJ Lecture „Gegen Alles“ im Rahmen der Ausstellung „Kessel unter Druck“ im Stadtarchiv Stuttgart statt. In der Ausstellung sind auch mehrere Arbeiten von Albrecht/d. zu sehen, darunter Original-Badges aus seiner Produktion. Seine Aktivitäten in der lokalen Punk-Szene werden in der Veranstaltung ebenfalls angesprochen.

Das Buch „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“ ist bei beiden Veranstaltungen an diesem Abend erhältlich.

04.02.2018: Albrecht/d. im Radio

Wann: 04.02.2018, 15- 16 Uhr
Wo: Freies Radio Stuttgart, Antenne 99,2 MHz, Kabel 102,1 MHz
Link zur Sendung zum Nachhören

Vor 45 Jahren fand im Kunstverein Hannover die Ausstellung „Kunst im politischen Kampf“ statt (31. März bis 13. Mai 1973). Gezeigt wurden Arbeiten von Albrecht D, Joseph Beuys, KP Brehmer; Hans Haacke, Dieter Hacker, Siegfried Neuenhausen, Klaus Staeck, Wolf Vostell. Zur Ausstellung gab es ein Symposium. Dazu wurden den teilnehmenden Künstlern fünf Fragen gestellt. Auf Frage 2; „Wen möchten Sie in der Zukunft erreichen?“ antwortete Albrecht/d.: „Breitere Schichten der Bevölkerung, die fast nur über das Medium Fernsehen erreicht werden.“

Die Möglichkeit, das Fernsehen für seine Arbeit zu nutzen, blieb ihm weitgehend verwehrt. 1978 bestellte Radio Bremen aber bei ihm eine Komposition für die Reihe Pro Musica Nova.

Dem Schaffen Albrecht/d.s, der seit 1958 in Stuttgart lebte, widmet das Freie Radio Stuttgart am kommenden Sonntag, den 04.02. eine Sendung von 15 – 16 Uhr.

Im Studio werden sein: Peter Haury, Ralf Siemers, Der Mußikant und Norbert Prothmann.

Neben Hörbeispielen seines musikalischen Schaffens werden die Studiogäste auch einen Überblick über das Werk Albrecht/d.s insgesamt vermitteln. Alle Studiogäste hatten Albrecht/d. gekannt und mit ihm auf unterschiedliche Weise zusammengearbeitet. Peter Haury ist Herausgeber des Buchs „Zum Berühmtsein keine Zeit“, für das Norbert Prothmann als Hauptautor verantwortlich zeichnete. Ralf Siemers und Der Mußikant haben immer wieder unter anderem auf musikalischer Ebene mit Albrecht/d. kooperiert.

Sondermarken statt Neujahrsansprache

Zu Weihnachten gehört die Ansprache des Bundespräsidenten wie zum Jahreswechsel die Ansprache der Bundeskanzlerin. Kanzler und Staatsoberhäupter werden in vielen Staaten regelmäßig mit Briefmarken geehrt.

Albrecht/d. hat sowohl eigene Künstlerbriefmarken gestaltet, als auch das Format als Basis für Miniaturen genutzt, die nicht nur mit dem Thema Briefmarke spielen, sondern es letztlich auch wieder formal aufheben und damit auch gegebenen räumlichen Begrenzungen ihre Relevanz entziehen.

Inhaltlich nutzte er das Format sowohl satirisch als auch agitatorisch. In Bearbeitungen, Verfremdungen oder Collagen gab er der üblicherweise sehr begrenzten Fläche einer Briefmarke dieselbe thematische Tiefe, die sein ganzes Werk auszeichnet. Der Briefmarkenblock „Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland“ ist vollständig übercollagiert, bis auf den Bundesadler. Der Schriftzug endless music ist nur rudimentär erkennbar und die einzige identifizierbare Person der Mehrfachcollage ist eine Frau im Latexdress. Die überproportional große Signatur der Karte verweist sie insgesamt ins Lächerliche.

In die 1926 vom Deutschen Reich ausgegebene Albrecht-Dürer-Briefmarke  „Selbstbildnis im Pelzrock“ montierte Albrecht/d. ein Selbstbildnis. Als Kriegskind, das unmittelbar an der innerdeutschen Grenze aufwuchs, war die deutsche Geschichte und die deutsche Teilung Zeit seines Lebens eine Thema, das er immer wieder aufgriff. Dabei war die Überwindung dieser Teilung für ihn kein Selbstzweck. Er verband damit die Hoffnung auf die Überwindung des Blockdenkens und des nationalstaatlichen Denkens, das er immer auch als fruchtbaren Humus für Militarismus und Krieg betrachtete.

So wird die Kombination des DDR-Wappens mit Teilen einer Briefmarke aus der Zeit der Inflation (5.000 Mark) zum Sinnbild für politisches Versagen und enttäuschte Hoffnungen auf eine bessere Politik nach den beiden Weltkriegen. Weder konnte die Weimarer Republik die Folgen des 1. Weltkriegs überwinden, noch lieferte die DDR eine Alternative zu Nationalismus, Militarismus und politischer Konfrontation nach dem 2. Weltkrieg. In beiden Fällen sahen viele Deutsche die USA als Hoffnungsträger und Inspiration für eine bessere Zukunft. Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ wirkt hier wie die unterschwellige Hoffnung auf die Wiedervereinigung. Doch das Heilsversprechen Amerikas besteht in erster Linie aus der völligen Merkantilisierung aller Lebensbereiche.

Stacheldraht

 

Albrecht/d. wuchs in Ellrich/Thüringen auf. Unweit seines Elternhauses war 1944 das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte errichtet worden, das zunächst dem KZ Buchenwald zugeordnet war und danach dem KZ Mittelbau. Mit durchschnittlich 8.000 Häftlingen wurde das Lager auf dem Gelände der ehemaligen Gipsfabrik in Juliushütte zum größten Außenlager des KZ Mittelbau.

Durch das Lagergelände verlief ab 1945 die innerdeutsche Grenze. 1952 wurde der innerhalb der DDR liegende Teil abgebrochen und Teil des Todesstreifens. Auch auf bundesdeutscher Seite wurde das ehemalige KZ eingeebnet, das Areal zum Naturschutzgebiet. Statt des Lagers entstanden nun die Grenzbefestigungen. Albrecht/d. wuchs im Sperrgebiet der DDR-Grenze auf. Im ländlichen Raum waren die Grenzanlagen insbesondere von Minenfeldern, Wachtürmen und gestaffelten Drahthindernissen und Zäunen geprägt, und unterschieden sich damit von der Beton-Optik der Berliner Mauer.

Grenzen, Fronten, Sperranlagen und ihre Überwindung spielen in Albrecht/d.s Werk eine bedeutende Rolle. Er selbst hat sie auch immer wieder fotografiert und insbesondere Stacheldrahtrollen als Motiv in seinen Arbeiten platziert. Stacheldraht steht für die deutsche Teilung, für Gefangenschaft, Folter, Unrechtsregime, für Krieg und Gewalt im Allgemeinen.

Mit dem Environment und Happening „between the front“ setzte Albrecht/d. 1968 Stacheldraht erstmals als dominierendes Element in seiner Arbeit ein. Die Aktion wurde am 08. Februar 1969 in Kirchheim/Teck und am 12. April 1969 in Köln realisiert.
Stacheldraht zieht sich als Motiv durch Arbeiten zu unterschiedlichen Zyklen, er taucht in Kriegsbildern auf und in Bildern von Gefangenenlagern, von Arbeiten zum Vietnamkrieg, über die „Ikonen der Trivialität“ bis zur „Laienspielschar„.

Mit dem Aufkommen der Proteste gegen die Atomenergie fanden auch die massiven Umzäunungen der Nuklearanlagen Eingang in Albrecht/d.s Werk, nun auch in Form von selbstgemachten Fotografien, die collagiert, bearbeitet und verfremdet wurden. Der Stacheldraht beschützte nun neben der Spaltung von Staaten und Bevölkerung auch die Spaltung von Atomkernen vor der Bevölkerung. Und die zum Schutz dieser Anlagen eingesetzten Polizeikräfte nahmen optisch und in ihrer Ausrüstung immer militärischere Züge an.

1989 wurde Albrecht/d. anlässlich der Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland eingeladen beim Bundesbürgerfest am 23.09.1989 in Bonn mit einer Performance teilzunehmen. Die „Gelsenkirchener Barocksinfonie“ war als Gesamtkunstwerk konzipiert, das Elemente von Ausstellung, Rauminstallation, Environment, Konzert, Performance und Happening vereinigte. Die Ausgangssituation war ein Wohnzimmerensemble, das dem „Gelsenkirchener Barock“ entsprach. Der Wohnzimmerschrank war mit Stacheldraht bespannt und zum Musikinstrument umgebaut, zusätzliche Stacheldrahtelemente wurden von Bambusstäben gehalten. Im Rahmen der Performance wurde der Schrank in Brand gesetzt und verbrannte, während Kyoko Ima das Grundgesetz der Bundesrepublik las.

Mit der Postkarte zur Gelsenkirchener Barocksinfonie – einem Selbstportait mit Stacheldrahtkrone, von der aus der Draht senkrecht nach unten verläuft und so das Portrait in der Mitte teilt – machte sich Albrecht/D. selbst zur Ikone.