1978: Postkarten in der Staatsgalerie

Postkarten nehmen im Werk Albrecht/d.s einen prominenten Platz ein. Er nutzte das Format sein gesamtes Leben lang und schuf wohl eine vierstellige Zahl von individuellen Postkarten, die collagiert, de-collagiert, bemalt, bestempelt, beklebt, beschriftet waren, oft waren es Mischtechniken.

Dabei hob er die formale Beschränkung der Karten immer wieder auf. So ließ er Fotografien von wandfüllenden Ensembles auf Postkarten drucken, bei denen sich die Fülle der Details dem Betrachter zwangsläufig entzog. Andererseits brachte er Ausschnitte aus extremen Vergößerungen auf Postkarten, so dass vom Originalmotiv letztlich nur noch Rasterpunkte erkennbar waren die auf der Postkarte als neues, abstraktes Motiv wirkten, das dann mitunter weiterbearbeitet wurden. Er kombinierte so sogar zu Postkarten-Ensembles.

Ansichtskarten übermalte und collagierte er, mitunter wurden sie mit alltäglichen Dingen verfremdet. Viele solcher Karten verschickte er per Post. Hunderte aber behielt er in seinem Besitz, viele wurden im Rahmen von Ausstellungen gezeigt

Albrecht/d. verlegte Postkarten und nutzte sie als Handzettel und Einladungen für Ausstellungen und Events.

Vor 40 Jahren, vom 03. Juni bis 30. August 1978, stellte er eine Auswahl von Postkarten im Café der Staatsgalerie aus.

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Vortrag über das Buch in Bremen

Auf Einladung des Zentrums für Künstlerpublikationen am Museum Weserburg in Bremen wird Peter Haury dort am Mittwoch, den 21. Februar 2018 um 18 Uhr anhand von Fotos aus der Ausstellung zur Buchpräsentation in der Oberwelt im Juni letzten Jahres und mit Bildern von neuen Funden aus dem Nachlass das Buch über Albrecht/d. „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“ vorstellen.

 

Am gleichen Tag um 19 Uhr findet die DJ Lecture „Gegen Alles“ im Rahmen der Ausstellung „Kessel unter Druck“ im Stadtarchiv Stuttgart statt. In der Ausstellung sind auch mehrere Arbeiten von Albrecht/d. zu sehen, darunter Original-Badges aus seiner Produktion. Seine Aktivitäten in der lokalen Punk-Szene werden in der Veranstaltung ebenfalls angesprochen.

Das Buch „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“ ist bei beiden Veranstaltungen an diesem Abend erhältlich.

04.02.2018: Albrecht/d. im Radio

Wann: 04.02.2018, 15- 16 Uhr
Wo: Freies Radio Stuttgart, Antenne 99,2 MHz, Kabel 102,1 MHz
Link zur Sendung zum Nachhören

Vor 45 Jahren fand im Kunstverein Hannover die Ausstellung „Kunst im politischen Kampf“ statt (31. März bis 13. Mai 1973). Gezeigt wurden Arbeiten von Albrecht D, Joseph Beuys, KP Brehmer; Hans Haacke, Dieter Hacker, Siegfried Neuenhausen, Klaus Staeck, Wolf Vostell. Zur Ausstellung gab es ein Symposium. Dazu wurden den teilnehmenden Künstlern fünf Fragen gestellt. Auf Frage 2; „Wen möchten Sie in der Zukunft erreichen?“ antwortete Albrecht/d.: „Breitere Schichten der Bevölkerung, die fast nur über das Medium Fernsehen erreicht werden.“

Die Möglichkeit, das Fernsehen für seine Arbeit zu nutzen, blieb ihm weitgehend verwehrt. 1978 bestellte Radio Bremen aber bei ihm eine Komposition für die Reihe Pro Musica Nova.

Dem Schaffen Albrecht/d.s, der seit 1958 in Stuttgart lebte, widmet das Freie Radio Stuttgart am kommenden Sonntag, den 04.02. eine Sendung von 15 – 16 Uhr.

Im Studio werden sein: Peter Haury, Ralf Siemers, Der Mußikant und Norbert Prothmann.

Neben Hörbeispielen seines musikalischen Schaffens werden die Studiogäste auch einen Überblick über das Werk Albrecht/d.s insgesamt vermitteln. Alle Studiogäste hatten Albrecht/d. gekannt und mit ihm auf unterschiedliche Weise zusammengearbeitet. Peter Haury ist Herausgeber des Buchs „Zum Berühmtsein keine Zeit“, für das Norbert Prothmann als Hauptautor verantwortlich zeichnete. Ralf Siemers und Der Mußikant haben immer wieder unter anderem auf musikalischer Ebene mit Albrecht/d. kooperiert.

Sondermarken statt Neujahrsansprache

Zu Weihnachten gehört die Ansprache des Bundespräsidenten wie zum Jahreswechsel die Ansprache der Bundeskanzlerin. Kanzler und Staatsoberhäupter werden in vielen Staaten regelmäßig mit Briefmarken geehrt.

Albrecht/d. hat sowohl eigene Künstlerbriefmarken gestaltet, als auch das Format als Basis für Miniaturen genutzt, die nicht nur mit dem Thema Briefmarke spielen, sondern es letztlich auch wieder formal aufheben und damit auch gegebenen räumlichen Begrenzungen ihre Relevanz entziehen.

Inhaltlich nutzte er das Format sowohl satirisch als auch agitatorisch. In Bearbeitungen, Verfremdungen oder Collagen gab er der üblicherweise sehr begrenzten Fläche einer Briefmarke dieselbe thematische Tiefe, die sein ganzes Werk auszeichnet. Der Briefmarkenblock „Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland“ ist vollständig übercollagiert, bis auf den Bundesadler. Der Schriftzug endless music ist nur rudimentär erkennbar und die einzige identifizierbare Person der Mehrfachcollage ist eine Frau im Latexdress. Die überproportional große Signatur der Karte verweist sie insgesamt ins Lächerliche.

In die 1926 vom Deutschen Reich ausgegebene Albrecht-Dürer-Briefmarke  „Selbstbildnis im Pelzrock“ montierte Albrecht/d. ein Selbstbildnis. Als Kriegskind, das unmittelbar an der innerdeutschen Grenze aufwuchs, war die deutsche Geschichte und die deutsche Teilung Zeit seines Lebens eine Thema, das er immer wieder aufgriff. Dabei war die Überwindung dieser Teilung für ihn kein Selbstzweck. Er verband damit die Hoffnung auf die Überwindung des Blockdenkens und des nationalstaatlichen Denkens, das er immer auch als fruchtbaren Humus für Militarismus und Krieg betrachtete.

So wird die Kombination des DDR-Wappens mit Teilen einer Briefmarke aus der Zeit der Inflation (5.000 Mark) zum Sinnbild für politisches Versagen und enttäuschte Hoffnungen auf eine bessere Politik nach den beiden Weltkriegen. Weder konnte die Weimarer Republik die Folgen des 1. Weltkriegs überwinden, noch lieferte die DDR eine Alternative zu Nationalismus, Militarismus und politischer Konfrontation nach dem 2. Weltkrieg. In beiden Fällen sahen viele Deutsche die USA als Hoffnungsträger und Inspiration für eine bessere Zukunft. Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ wirkt hier wie die unterschwellige Hoffnung auf die Wiedervereinigung. Doch das Heilsversprechen Amerikas besteht in erster Linie aus der völligen Merkantilisierung aller Lebensbereiche.

Stacheldraht

 

Albrecht/d. wuchs in Ellrich/Thüringen auf. Unweit seines Elternhauses war 1944 das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte errichtet worden, das zunächst dem KZ Buchenwald zugeordnet war und danach dem KZ Mittelbau. Mit durchschnittlich 8.000 Häftlingen wurde das Lager auf dem Gelände der ehemaligen Gipsfabrik in Juliushütte zum größten Außenlager des KZ Mittelbau.

Durch das Lagergelände verlief ab 1945 die innerdeutsche Grenze. 1952 wurde der innerhalb der DDR liegende Teil abgebrochen und Teil des Todesstreifens. Auch auf bundesdeutscher Seite wurde das ehemalige KZ eingeebnet, das Areal zum Naturschutzgebiet. Statt des Lagers entstanden nun die Grenzbefestigungen. Albrecht/d. wuchs im Sperrgebiet der DDR-Grenze auf. Im ländlichen Raum waren die Grenzanlagen insbesondere von Minenfeldern, Wachtürmen und gestaffelten Drahthindernissen und Zäunen geprägt, und unterschieden sich damit von der Beton-Optik der Berliner Mauer.

Grenzen, Fronten, Sperranlagen und ihre Überwindung spielen in Albrecht/d.s Werk eine bedeutende Rolle. Er selbst hat sie auch immer wieder fotografiert und insbesondere Stacheldrahtrollen als Motiv in seinen Arbeiten platziert. Stacheldraht steht für die deutsche Teilung, für Gefangenschaft, Folter, Unrechtsregime, für Krieg und Gewalt im Allgemeinen.

Mit dem Environment und Happening „between the front“ setzte Albrecht/d. 1968 Stacheldraht erstmals als dominierendes Element in seiner Arbeit ein. Die Aktion wurde am 08. Februar 1969 in Kirchheim/Teck und am 12. April 1969 in Köln realisiert.
Stacheldraht zieht sich als Motiv durch Arbeiten zu unterschiedlichen Zyklen, er taucht in Kriegsbildern auf und in Bildern von Gefangenenlagern, von Arbeiten zum Vietnamkrieg, über die „Ikonen der Trivialität“ bis zur „Laienspielschar„.

Mit dem Aufkommen der Proteste gegen die Atomenergie fanden auch die massiven Umzäunungen der Nuklearanlagen Eingang in Albrecht/d.s Werk, nun auch in Form von selbstgemachten Fotografien, die collagiert, bearbeitet und verfremdet wurden. Der Stacheldraht beschützte nun neben der Spaltung von Staaten und Bevölkerung auch die Spaltung von Atomkernen vor der Bevölkerung. Und die zum Schutz dieser Anlagen eingesetzten Polizeikräfte nahmen optisch und in ihrer Ausrüstung immer militärischere Züge an.

1989 wurde Albrecht/d. anlässlich der Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland eingeladen beim Bundesbürgerfest am 23.09.1989 in Bonn mit einer Performance teilzunehmen. Die „Gelsenkirchener Barocksinfonie“ war als Gesamtkunstwerk konzipiert, das Elemente von Ausstellung, Rauminstallation, Environment, Konzert, Performance und Happening vereinigte. Die Ausgangssituation war ein Wohnzimmerensemble, das dem „Gelsenkirchener Barock“ entsprach. Der Wohnzimmerschrank war mit Stacheldraht bespannt und zum Musikinstrument umgebaut, zusätzliche Stacheldrahtelemente wurden von Bambusstäben gehalten. Im Rahmen der Performance wurde der Schrank in Brand gesetzt und verbrannte, während Kyoko Ima das Grundgesetz der Bundesrepublik las.

Mit der Postkarte zur Gelsenkirchener Barocksinfonie – einem Selbstportait mit Stacheldrahtkrone, von der aus der Draht senkrecht nach unten verläuft und so das Portrait in der Mitte teilt – machte sich Albrecht/D. selbst zur Ikone.

Peter Grohmann und APO im WKV

Zu seinem 80. Geburtstag schenkte sich Albrecht/d. s Weggefährte Peter Grohmann eine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein.

Vom 24. Oktober bis 19. November 2017 sind dort in den Querungen Plakate, Denkanschläge und Dokumente der Außerparlamentarischen Opposition zu sehen. Die Schwerpunkte der gezeigten Arbeiten liegen in Stuttgart, um den Club Voltaire und die Gruppe „plakat“ und gehen vor allem auf die Initiative von Peter Grohmann zurück. Beteiligt an den Arbeiten, für die Grohmann in der Regel presse-rechtlich verantwortlich zeichnete, Herausgeber, Drucker oder Gestalter war, waren u.a. Jürgen Holtfreter, Ulrich Bernhardt, Albrecht/d. und Jochen Steinkowski sowie die „plakat-Gruppe“ bei Daimler-Benz Untertürkheim. In der Ausstellungsfläche der Querungen sind neben Plakaten aus den frühen Sechziger Jahren, „wild geklebte“ Kleinplakate mit markanten kritischen Texten sowie mehrere Vitrinen mit Büchern des AnStifter-Verlags und zeitgenössische Dokumente von 1975-1990 ausgestellt.

Im seinem Gastbeitrag „Ein Lied für /D.“ für das Buch „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“ schreibt Peter Grohmann: „Albrecht/d. war mein Vater. […] Hätte /d. nämlich nicht gesagt: Du bist ein Künstler wäre ich nie richtig auf die Welt gekommen.“

Albrecht/d. und Peter Grohmann verband eine lange Freundschaft. Bei reflection press erschien 1987 als Nr. 41 sein Buch „DIE AUSSTELLUNG ist die straße die straße ist DIE AUSSTELLUNG.

Usine de Pali-Kao, Paris, April 1982

Im April 1982 stellte Albrecht/d. in Paris in der Usine de Pali-Kao aus. Die ehemalige Papierfabrik in der Rue Pali-Kao im 20. Bezirk (Belleville) war 1981 von den Künstlern Christine Caquot, Thierry Cheverney, Christophe Cuzin und Bruno Rousselot als alternatives Kulturzentrum „besetzt“ worden. Im eigentlichen Sinne handelte es sich nicht um eine klassische Hausbesetzung. Eher nutzten die Künstler die Tatsache, dass das Anwesen über Jahre sich selbst überlassen war.

Für drei Jahre florierte so eine „bunte Fabrik“, in der vor allem Performance-Kunst, Live-Konzerte, Experimentalfilm und andere Untergrund-Kultur sich einem jungen, aufgeschlossenen Publikum zeigte. Französische Musiker wie Les Rita Mitsouko, Clair Obscur, Lucrate Milk oder Berurier Noir traten in der Usine auf, aber auch internationale Acts wie Crass. Damit deckte die Usine jene Facetten ab, die 1981/82 auch im Stuttgarter Raum Berührungspunkte zu Albrecht/d. aufwiesen: Punk, New Wave, No Wave, Noise Pop, Experimentelle Musik, elektronische Musik, Industrial, Neo-Dada und die zugehörigen Verzweigungen in die bildende Kunst, Theater und Performance. Berurier Noir setzten der Usine 1998 ein musikalisches Denkmal, indem sie die Aufnahmen ihres Auftritts in der Fabrik im Jahre 1983 unter dem Titel „La Bataille de Pali-Kao“ veröffentlichten.

Albrecht/d.s Ausstellung in der Usine de Pali-Kao war keine traditionelle Ausstellung, sondern eher ein Environment, das er zusätzlich musikalisch bespielte.

Vom 17.-19. April 1982 gastierte Albrecht/d. in der ehemaligen Papierfabrik. Von der Rauminstallation und der verwendeten „Abfall-Percussion“ sind Fotos erhalten, genauso wie fotokopierte Flugblätter im Format DIN A4, die zeigen, dass Albrecht/d. nicht alleine auftrat, und dass das Programm an allen drei Tagen offenbar anders war.

Allerdings lässt sich aus den Dokumenten das Gastspiel nicht vollständig rekonstruieren. Die Fotos, prinzipiell als Rauten aufgenommen, dokumentieren nur teilweise die Installation, da sie bereits mit einem künstlerischen und nicht mit einem dokumentarischen Ansatz angefertigt wurden. Dennoch lassen sich die Kernelemente des Environments erkennen: Plastikfolie, aufgesprühte Parolen, auf dem Boden wie Wegweiser ausgelegte Porno-Magazine, die „Abfall-Perkussion“.

Am 17. April führte Albrecht/d. zunächst eine Aufführung von Instant Life/Love/Death durch. Im Anschluss fand ein Auftritt mit Marie Kawazu statt, der mitgeschnitten wurde. Von diesem Mitschnitt ist aber nur ein Teil erhalten, die Gesamtaufnahme ist verschollen. Der erhaltene Teil ist auf der LP „Abstract Energy“ publiziert.

Dieses Konzertfragment und die erhaltenen Bilddokumente liefern ein eindrucksvolles Zeugnis von den interdisziplinären Ansätzen der alternativen Kultur in Westeuropa Anfang der 1980er Jahre und der Brückenfunktion, die Albrecht/d. hier international einnahm. Sie zeigen auch den radikalen künstlerischen Ansatz, den er in dieses subkulturelle Umfeld einbrachte.

Die Usine de Pali-Kao wurde 1984 abgerissen, um Platz für ein Schulgebäude zu schaffen.