Stacheldraht

 

Albrecht/d. wuchs in Ellrich/Thüringen auf. Unweit seines Elternhauses war 1944 das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte errichtet worden, das zunächst dem KZ Buchenwald zugeordnet war und danach dem KZ Mittelbau. Mit durchschnittlich 8.000 Häftlingen wurde das Lager auf dem Gelände der ehemaligen Gipsfabrik in Juliushütte zum größten Außenlager des KZ Mittelbau.

Durch das Lagergelände verlief ab 1945 die innerdeutsche Grenze. 1952 wurde der innerhalb der DDR liegende Teil abgebrochen und Teil des Todesstreifens. Auch auf bundesdeutscher Seite wurde das ehemalige KZ eingeebnet, das Areal zum Naturschutzgebiet. Statt des Lagers entstanden nun die Grenzbefestigungen. Albrecht/d. wuchs im Sperrgebiet der DDR-Grenze auf. Im ländlichen Raum waren die Grenzanlagen insbesondere von Minenfeldern, Wachtürmen und gestaffelten Drahthindernissen und Zäunen geprägt, und unterschieden sich damit von der Beton-Optik der Berliner Mauer.

Grenzen, Fronten, Sperranlagen und ihre Überwindung spielen in Albrecht/d.s Werk eine bedeutende Rolle. Er selbst hat sie auch immer wieder fotografiert und insbesondere Stacheldrahtrollen als Motiv in seinen Arbeiten platziert. Stacheldraht steht für die deutsche Teilung, für Gefangenschaft, Folter, Unrechtsregime, für Krieg und Gewalt im Allgemeinen.

Mit dem Environment und Happening „between the front“ setzte Albrecht/d. 1968 Stacheldraht erstmals als dominierendes Element in seiner Arbeit ein. Die Aktion wurde am 08. Februar 1969 in Kirchheim/Teck und am 12. April 1969 in Köln realisiert.
Stacheldraht zieht sich als Motiv durch Arbeiten zu unterschiedlichen Zyklen, er taucht in Kriegsbildern auf und in Bildern von Gefangenenlagern, von Arbeiten zum Vietnamkrieg, über die „Ikonen der Trivialität“ bis zur „Laienspielschar„.

Mit dem Aufkommen der Proteste gegen die Atomenergie fanden auch die massiven Umzäunungen der Nuklearanlagen Eingang in Albrecht/d.s Werk, nun auch in Form von selbstgemachten Fotografien, die collagiert, bearbeitet und verfremdet wurden. Der Stacheldraht beschützte nun neben der Spaltung von Staaten und Bevölkerung auch die Spaltung von Atomkernen vor der Bevölkerung. Und die zum Schutz dieser Anlagen eingesetzten Polizeikräfte nahmen optisch und in ihrer Ausrüstung immer militärischere Züge an.

1989 wurde Albrecht/d. anlässlich der Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland eingeladen beim Bundesbürgerfest am 23.09.1989 in Bonn mit einer Performance teilzunehmen. Die „Gelsenkirchener Barocksinfonie“ war als Gesamtkunstwerk konzipiert, das Elemente von Ausstellung, Rauminstallation, Environment, Konzert, Performance und Happening vereinigte. Die Ausgangssituation war ein Wohnzimmerensemble, das dem „Gelsenkirchener Barock“ entsprach. Der Wohnzimmerschrank war mit Stacheldraht bespannt und zum Musikinstrument umgebaut, zusätzliche Stacheldrahtelemente wurden von Bambusstäben gehalten. Im Rahmen der Performance wurde der Schrank in Brand gesetzt und verbrannte, während Kyoko Ima das Grundgesetz der Bundesrepublik las.

Mit der Postkarte zur Gelsenkirchener Barocksinfonie – einem Selbstportait mit Stacheldrahtkrone, von der aus der Draht senkrecht nach unten verläuft und so das Portrait in der Mitte teilt – machte sich Albrecht/D. selbst zur Ikone.

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